Zwischen Bellen und Bleiben
- Sina Ebert

- 30. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Morgen ist der 31.12. Ein Tag, an dem viele Menschen sich vornehmen, im neuen Jahr alles anders zu machen. Besser. Ruhiger. Konsequenter. Auch mit ihren Hunden. Und genau an solchen Tagen denke ich besonders oft an die Situationen, die ich im Alltag immer wieder erlebe und die selten so gut zusammenpassen mit dem, was wir uns gerne vornehmen.
Hunde werden aus Situationen herausgenommen, nicht weil sie überfordert sind oder weil es für sie wirklich zu viel wäre, sondern weil der Mensch es nicht mehr aushält. Das Bellen nervt, es ist unangenehm, es zieht Blicke auf sich und passt nicht in das Bild vom „braven Hund“. Also wird der Hund aus der Situation geführt, beruhigt, abgelenkt oder gerettet. Nicht, weil es dem Hund schadet, zu bleiben, sondern weil es für den Menschen schwer ist, das auszuhalten.
Viele dieser Hunde haben kaum Frustrationstoleranz. Nicht, weil sie schwierig sind oder etwas „falsch gemacht“ haben, sondern weil sie nie lernen durften, mit Frust umzugehen. Wenn unangenehme Gefühle immer sofort aufgelöst werden, lernt der Hund nicht, dass Frust aushaltbar ist und von selbst wieder vorbeigeht. Er lernt, dass jemand anderes dafür zuständig ist, Unruhe zu beenden, und dass Regulation von außen kommt. Das funktioniert lange gut – bis zu dem Moment, in dem der Mensch plötzlich andere Erwartungen hat.
Denn irgendwann gibt es Situationen, in denen der Hund ruhig bleiben soll. Warten soll. Aushalten soll. Dann wird erwartet, dass er Kontrolle zeigt, obwohl er genau das nie üben durfte. Und dann entsteht diese Mischung aus Unverständnis und Frust, die sich oft gegen den Hund richtet, obwohl sie dort eigentlich nicht hingehört.
„Wie soll er es denn können, wenn du es ihm nie beigebracht hast?“
Frustrationstoleranz ist kein Schalter, den man einschaltet, wenn es gerade passt. Sie entsteht nicht in den wichtigen Momenten, sondern im Alltag. In den Situationen, in denen man bleibt, obwohl es laut wird, in denen man begleitet, statt sofort einzugreifen, und in denen man dem Hund zutraut, ein unangenehmes Gefühl auszuhalten, ohne daran kaputtzugehen. Hunde lernen nicht dann, wenn es für uns praktisch ist, sondern dann, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, Erfahrung zu sammeln. Wer Frust konsequent vermeidet, darf sich nicht wundern, wenn er später ungebremst auftaucht.
Oft wird dieses Herausnehmen aus Situationen mit Mitgefühl verwechselt. „Der arme Hund, der ist doch so gestresst“ ist ein Satz, den ich häufig höre. Manchmal stimmt er. Und manchmal beschreibt er eher die Hilflosigkeit des Menschen daneben. Wir vermenschlichen, wir projizieren und nennen das Schutz. Der Hund wird aus der Situation genommen, nicht weil er es nicht schafft, sondern weil wir es nicht schaffen, ihn dabei auszuhalten.
Das bedeutet nicht, dass Hunde alles aushalten müssen. Es geht nicht um Härte und nicht um Durchziehen. Es geht um die ehrliche Unterscheidung zwischen Überforderung und Unbequemlichkeit. Nicht jeder Frust ist Stress, nicht jedes Bellen ein Notfall und nicht jede Situation muss sofort aufgelöst werden. Verantwortung heißt manchmal, zu bleiben, präsent zu sein und dem Hund zu zeigen, dass dieses Gefühl zwar unangenehm ist, aber sicher.
Vielleicht ist der 31.12. ein guter Moment, um sich nicht vorzunehmen, dass der Hund im neuen Jahr ruhiger, entspannter oder „besser“ wird. Vielleicht wäre ein ehrlicher Vorsatz ein anderer: Dem Hund mehr zuzutrauen. Nicht weniger zu fühlen, sondern mehr auszuhalten. Nicht schneller zu reagieren, sondern bewusster zu bleiben.
Mein Wunsch fürs nächste Jahr ist kein leichter. Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Hunde vor jedem Frust zu schützen, nur weil wir selbst ihn nicht aushalten. Dass wir ihnen beibringen, was sie später können sollen. Und dass wir anfangen, uns dieselbe Frage zu stellen wie unseren Hunden: Kann ich das gerade aushalten?




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